Berliner Festspiele 2015
An unsorted, sometimes changing selection of my German poetry.

gleise

wir waren wie gleise
kalt und in eine
umgebung gepresst
manchmal glänzten wir
in der sonne doch waren
nutzlos wenn sichtbar
und dabei irgendwie
grade

solar elope

eben wach und die Sonne wandert
schon verändert ein Jahr eine Drehung
eine weitere Erinnerung
vergessen im Sommerschlaf

wohin siehst du die Zeit fallen Liebste
es ist keine echte Richtung
es bleibt unser Trotz den wir wagen

denke an Abende die nicht mehr sein können
jene nach Asphalt riechenden salzgeladenen
im Benzin für deine Yamaha schwimmt
eine einzelne und wahrscheinlich
zu lang gegrillte Zucchinischeibe

warum flammt alles erst später auf
wenn ich es nicht mehr erzählen kann

kalibrierung

vom mond sehe man 59%
aber nie auf einmal
kleinste LEDs und ein halber pfirsich
der saft läuft dir bis zum ellenbogen

draussen hängt der august in den birken
und die sichelschatten werden feiner
man könnte fast alles messen
wenn man bereit ist etwas zu verlieren

auf dem fensterbrett ein glas
mit wasser das staubig schmeckt
das seit tagen niemand austrinkt

zeigst auf einen punkt im fenster
die venus || ein flugzeug
habe rechtzeitig weggeschaut
beides bleibt denkbar

am morgen liegt ein kern im ausguss
hat sich in ein haar gewickelt

deins
glaube ich

ohne Titel

alles was wir tun
wird ewig fortgesetzt
zum kreis

vor dem abschied

als wir unser einsamsein
(in eine schachtel schlossen)
und als wir
nicht aufhörten in die zukunft
zu denken mal mit
mal ohne den anderen

Sediment-Analyse

eine Art ablegen wie einen rostigen Nagel
und das Gefühl Schicht um Schicht abtragen
darunter Versuche nur die Isotope der Stille

das Blau der Stunde
ist ein Fraktal aus Chlor und rostigem Blut
wir schichten Zweifel in Kühlketten ein Palimpsest

aus fahrigen Gesten
hier tief im Permafrost der Leiter
korrodiert unser Wille zur Lüge

hörst du ein Sirren im eislastigen Feld egal
wir sind Aggregate die im eigenen Echo gerinnen

im Winter aufwachen

im Winter aufwachen
nicht weiter wissen
wir sind die Abonnenten der Angst
müssen ständig rückwärts schmecken

ich vergesse den Regen
anhand weniger Tropfen

ohne Titel

alle lesen Bibel & weinen; keiner kriegt genug vom ewigen Leben.
Fünf Uhr morgens, Jesus joggt übern Zürisee & trainiert:
100-Meter-Läufe.

Aerobe Zone, 1 Mann mit einem Bullenatem. Sie steht am Ufer
und kippt Spüli ins Wasser. Manchmal verändern wir uns nur,
um ein bisschen anders zu sein.

wahrheit 1

ich vergaß dich deine
nervösen hände reiben
etwas zog was bekam ich ein
auge zurück berührungen
desinfiziert

ein leerer raum erklärt dir die liebe

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