
Berliner Festspiele 2015
Seit ich denken kann, liebe ich Sprache.
Mich fasziniert ihre unausweichliche Allgegenwärtigkeit als ständige Begleiterin der menschlichen Erfahrung.
Vom aggressiven Werbeslogan, der ungefragt ins Bewusstsein eindringt, bis zur inneren Stimme, die sich leise einschleicht und uns, mal freundlich, mal kritisch, durch den Tag folgt.
Mit meinen Software-Projekten versuche ich, meine Liebe zur Sprache in nutzbare Formen zu bringen. Im Gegensatz dazu steht für mich das eigene Schreiben: Es bleibt wunderbar nutzlos.
Die folgenden Texte sind eine ungeordnete Auswahl, entstanden zwischen 2010 und 2025.

Sediment-Analyse
eine Art ablegen wie einen rostigen Nagel
und das Gefühl Schicht um Schicht abtragen
darunter Versuche nur die Isotope der Stille
das Blau der Stunde
ist ein Fraktal aus Chlor und venösem Blut
wir schichten Zweifel in Kühlketten ein Palimpsest
aus fahrigen Gesten
hier tief im Permafrost der Leiter
korrodiert unser Wille zur Lüge
hörst du ein Sirren im eislastigen Feld egal
wir sind Aggregate die im eigenen Echo gerinnen
ohne Titel
alles was wir tun
wird ewig fortgesetzt
zum kreis
gleise
wir waren wie gleise
kalt und in eine
umgebung gepresst
manchmal glänzten wir
in der sonne doch waren
nutzlos wenn sichtbar
und dabei irgendwie
grade

vor dem abschied
als wir unser einsamsein
(in eine schachtel schlossen)
und als wir
nicht aufhörten in die zukunft
zu denken mal mit
mal ohne den anderen
solar elope
eben wach und die Sonne wandert
schon verändert ein Jahr eine Drehung
eine weitere Erinnerung
vergessen im Sommerschlaf
wohin siehst du die Zeit fallen Liebste
es ist keine echte Richtung
es bleibt unser Trotz den wir wagen
denke an Abende die nicht mehr sein können
jene nach Asphalt riechenden salzgeladenen
im Benzin für deine Yamaha schwimmt
eine einzelne und wahrscheinlich
zu lang gegrillte Zucchinischeibe
warum flammt alles erst später auf
wenn ich es nicht mehr erzählen kann
im Winter aufwachen
im Winter aufwachen
nicht weiter wissen
wir sind die Abonnenten der Angst
müssen ständig rückwärts schmecken
ich vergesse den Regen
anhand weniger Tropfen

ohne Titel
alle lesen Bibel & weinen; keiner kriegt genug vom ewigen Leben.
Fünf Uhr morgens, Jesus joggt übern Zürisee & trainiert:
100-Meter-Läufe.
Aerobe Zone, 1 Mann mit einem Bullenatem. Sie steht am Ufer
und kippt Spüli ins Wasser. Manchmal verändern wir uns nur,
um ein bisschen anders zu sein.
wahrheit 1
ich vergaß dich deine
nervösen hände reiben
etwas zog was bekam ich ein
auge zurück berührungen
desinfiziert
ein leerer raum erklärt dir die liebe

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